Do, 20. Juli 2017

Interview mit dem wieder gewählten Vizepräsidenten Andreas Rieger: Der Bauboom ist noch kein Qualitätsboom

Der Bauboom ist noch kein Qualitätsboom

Jung: Gratulation zur Wiederwahl – wie wollen Sie weiter machen?

Rieger: Weiter mit voller Kraft für die Baukultur, aber das versteht sich eigentlich von selbst. Wenn wir die Baukultur im Lande stärken, stärken wir die Kernkompetenz unseres Berufsstandes. Baukultur ist in unse-rer Gesellschaft noch zu wenig anerkannt, zu selten nachgefragt und wird fast nie eingefordert. Wir müs-sen also alles tun, um in der Politik und mit den Mitteln der Öffentlichkeitsarbeit das Interesse für Baukul-tur zu wecken und Bewusstsein zu schaffen. Die Qualität des Planens und Bauens bestimmt den Wert des Gebauten und Baukultur ist der Gradmesser dieser Qualität.

Jung: Von Politik verstehen Sie ja etwas, als Mitglied im Landesvorstand der Bündnisgrünen und als Stadtverordneter in Lübben.

Rieger: Wobei Berufspolitik natürlich etwas ganz anderes ist als Parteipolitik oder Kommunalpolitik. Das einzige, was alle Politikfelder verbindet, ist, dass man sehr viel Geduld braucht und eine realistische Ein-schätzung der Lage und der eigenen Möglichkeiten. Wir haben auf Bundesebene und größtenteils auch auf Landesebene einen öffentlichen Bauherrn mit relativ hohem baukulturellen Anspruch. Die Herausforde-rung für uns als Kammer sehe ich deshalb vor allem bei den mehr als 400 märkischen Kommunen, die sehr heterogene Rahmenbedingungen aufweisen. Damit meine ich nicht nur die Wirtschaftskraft, wobei es natürlich Voraussetzung ist, dass eine Gemeinde auch über die entsprechenden Mittel verfügt, um zu pla-nen und bauen zu können. Entscheidend sind aber die Personen in den Verwaltungen, in den Stadtver-ordnetenversammlungen und Gemeindevertretungen. Dass sich selbst in strukturschwachen ländlichen Regionen etwas bewegen lässt, haben unsere Stadt-Land-Gestalten-Projekte gezeigt.

Jung: Sind dabei Aufträge für Architekten herausgekommen?

Rieger: Gemach, ich sprach eben von Geduld. Was wir in Plaue, Letschin und kürzlich in Kloster Lehnin erreicht haben, ist ein Bewusstsein für gutes, menschenfreundliches, identitätsstiftendes und damit immer auch preiswertes und nachhaltiges Planen und Bauen. Und daraus werden in der Folgezeit Architektenauf-träge entstehen – weil nur wir so etwas können. Baukultur ist dabei zunächst Verfahrenskultur, und was an diesen Orten überzeugt hat, war das konstruktive Miteinander von Entscheidern, Planern und Bürgern. In meiner Heimatstadt Lübben zum Beispiel haben wir eine Schule mit enormem Sanierungsstau und lange traute sich keiner so richtig ran, es gab schon Elternproteste. Jetzt wurde mit Hilfe eines Architekturbüros eine Konzeptwerkstatt organisiert, wo alle Beteiligten unter professioneller Anleitung den Rahmen abge-steckt haben. Das hat eine regelrechte Euphorie ausgelöst, die Aufgabe anzupacken, verbunden mit kon-kreten Ansprüchen an die Qualität beim Planen und Bauen. Was ich damit sagen will: Die Kammer sollte gegenüber den Kommunen unsere Kompetenz als Architekten herausstellen, Probleme zu analysieren, Prozesse zu organisieren, Lösungswege zu entwickeln. Je sicherer der öffentliche Bauherr dadurch in sei-ner eigentlichen Rolle wird, desto wahrscheinlicher wird er auch in der Umsetzung gute Architektur verlan-gen.

Jung: Nachdem Christian Keller Präsident geworden ist, werden Sie künftig den wichtigen Ausschuss Öf-fentlichkeitsarbeit leiten. Wo wollen Sie da Ihre Schwerpunkte setzen?

Rieger: Öffentlichkeitsarbeit machen wir nie genug – aber als relativ kleine Berufsvertretung ohne großen Etat haben wir mit dem Baukulturpreis, dem Tag der Architektur, den Projekten Architektur und Schule sowie Stadt-Land-Gestalten und mit den Ortsgesprächen zur Denkmalpflege bereits ein breit gefächertes Programm, das gut funktioniert und angenommen wird. Mir persönlich ist es wichtig, bei der Öffentlich-keitsarbeit auch die privaten Bauherren im Auge zu behalten, Investoren ebenso wie Selbstnutzer. Beim Tag der Architektur etwa sind Eigenheime immer wieder Publikumsrenner. Vielleicht sollten die Kollegin-nen und Kollegen ihre Bauherren stärker ermutigen, die guten Ergebnisse auch zu zeigen. Sie können doch gemeinsam stolz darauf sein.

Jung: Bei Ihrem politischen Engagement geht es oft um die Nachhaltigkeit von Planen und Bauen. Der Begriff ist ja beliebt, aber auch etwas schwammig. Was verstehen Sie darunter?

Rieger: Eigentlich genau das, was Architekten machen. Für uns ist Planen und Bauen ein ganzheitlicher Prozess in Verantwortung vor der Gesellschaft – das macht gute Architektur nachhaltig und darauf müs-sen wir immer wieder hinweisen: Wir betrachten nicht nur das Baugrundstück, sondern auch den städte-baulichen Zusammenhang. Wir betrachten nicht nur die aktuelle Aufgabe, sondern auch die langfristige Nutzung, die Betriebskosten, die Möglichkeiten zur Einbeziehung vorhandener Bausubstanz und die Of-fenheit für künftige Veränderungen. Die Auftragslage vieler Büros derzeit ist gut, aber der gegenwärtige Bauboom ist noch kein Qualitätsboom. Wenn es uns gelingt, unsere Qualifikation als Spezialisten fürs Ganze im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, können wir nachhaltig mit guter Qualität überzeugen.

Mit dem wieder gewählten Vizepräsidenten Andreas Rieger sprach Reinhard Jung.