Mi, 17. Mai 2017

Interview mit dem neuen Kammer-Präsidenten Christian Keller über neue Schwerpunkte

Wir sollten in unserer Argumentation politischer werden.

Mit dem neuen Kammerpräsidenten Christian Keller aus Cottbus sprach Reinhard Jung.

Jung: Herzlichen Glückwunsch. Endlich am Ziel angekommen?

Keller: Nein, die Präsidentschaft war nie mein Ziel, und ich habe auch nicht vor, mich auf diesem Amt auszuruhen. Deshalb weder „am Ziel“, noch „angekommen“. Ich denke, dass die Zeit einfach reif war für einen Wechsel. Bernhard Schuster hat bereits seit Gründung der Kammer und zuletzt 17 Jahre als Präsident diese Kammer geprägt wie kein anderer, und das hinterlässt natürlich große Fußspuren. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir uns heute als Kammer anders aufstellen müssen, um uns in einer Zeit großer gesellschaftlicher Veränderungen sowohl agiler als auch offener für die großen Themen zu präsentieren.

Jung: Und nach neun Jahren im Präsidium trauen Sie sich das zu?

Keller: Sonst hätte ich nicht kandidiert. Außerdem habe ich einen sehr guten Vorstand an meiner Seite, den ich intensiv in die Arbeit einbinden möchte, so dass die Arbeit künftig auf mehr Schultern ruhen wird als bisher. Mit Katja Melan und Andreas Rieger stehen mir zudem zwei Vizepräsidenten zur Seite, die ich nicht nur als engagierte Kollegen sondern auch als politisch wache Beobachter schätze.  

Jung: Da klingt mit, dass Sie in der Vorstandsarbeit einiges anders machen werden.

Keller: Nicht nur dort. Schusters Überzeugung, dass nur wir ändern können, was uns angeht, hat zu einer sehr starken Stellung des Ehrenamtes in unserer Kammer geführt – das sehe ich als Verpflichtung und Chance zugleich. Insbesondere in einer Zeit, in der die Gleichzeitigkeit von Ereignissen zunehmend unser Leben dominiert, kann unser Berufsstand sich nicht darauf verlassen, dass „die da oben“ sich schon bewegen werden. Statt dessen müssen wir uns darüber verständigen, wie wir uns in der Öffentlichkeit präsentieren wollen, und zwar alle miteinander. Das fängt beim Selbstverständnis eines jeden einzelnen an: bei aller wirtschaftlichen Konkurrenz werden wir es nicht schaffen, der Öffentlichkeit unsere Qualitätsbegriffe zu vermitteln, wenn nicht wir erklären, warum neben dem Nutzen, der Dauerhaftigkeit und der Ökonomie auch der Ausdruck des Gebauten durchaus eine wichtige Rolle für unsere Gesellschaft spielt. Ohne ihn entsteht kein positiv besetzter Identitätsbegriff, keine Heimat. Um das zu erreichen, müssen wir im Medien-Zeitalter anders auftreten: wenn die Kammer bisher strukturell eher einer Herde ähnelte, müssen wir uns zukünftig zum Schwarm entwickeln, in dem jeder Teil seine Rolle für sich und für alle anderen wahrnimmt. Es wäre mir eine große Freude, wenn wir damit noch mehr Mitglieder begeistern könnten, sich für die Kammer zu engagieren. Und wer weiß, vielleicht führt es dahin, dass zur nächsten Präsidentenwahl gleich mehrere Kandidaten gefunden werden können, die diesem Amt nicht mit dem Gefühl gegenüberstehen, dass es schlichtweg nicht für einen Einzelnen leistbar ist.

Jung: Sie wollen doch sicher nicht gleich wieder abtreten. Immerhin stehen Sie als Person für berufspolitische Inhalte, und jemand anders hätte möglicherweise ganz andere Inhalte ...

Keller: Ich bin für fünf Jahre gewählt. Was die grundsätzliche berufspolitische Ausrichtung der Kammerarbeit angeht, so sehe ich im Kollegium allerdings eine große Homogenität der Interessen und größtenteils auch der Strategien. Wir streiten gern über Architektur, also darüber, was wir für gut und angemessen halten, aber eigentlich nicht über die Rahmenbedingungen, die wir für das Entstehen von guter Architektur brauchen. Und wir sind uns alle ziemlich einig in der Einschätzung, dass bei diesen Rahmenbedingungen noch ganz viel Luft nach oben ist. Wobei die Gründe für die zu geringe gesellschaftliche Wertschätzung unserer Arbeit meiner Ansicht nach nicht nur bei der Gesellschaft liegen, sondern auch bei uns selbst und wir durch konsequentes Verhalten im Berufsalltag viel zum Besseren wenden könnten.

Jung: Zum Beispiel?

Keller: Ich finde, wir sollten lernen, mit unseren Leistungen offensiver in die Öffentlichkeit zu gehen. Damit meine ich weniger die Selbstdarstellung – das beherrschen die meisten Büros schon ganz gut – vielmehr meine ich die Anerkennung für das Werk von Kollegen. Das fällt auf den ersten Blick schwer, weil wir in wirtschaftlicher Konkurrenz zueinanderstehen. Aber wir alle wägen tagtäglich als Sachwalter des Bauherrn seine Belange gegen die der Gesellschaft ab. In der Regel schaffen wir Räume und Bauten, die nachhaltig funktionieren und ästhetisch ansprechen – und das sollte man über gelungene Kollegenwerke gerne öffentlich sagen, auch wenn man selber anders gestaltet hätte. Architektur ist bunt. Eigenlob stinkt. Aber Kollegenlob überrascht. Wird es ehrlich und begründet vorgetragen, sehe ich darin eine Chance, Interesse an Architektur zu wecken und Vorbehalte gegen die Architektenleistung aufzubrechen, die leider noch weit verbreitet sind. Ein anderer Punkt ist, dass wir öfter Nein sagen sollten, wenn uns Aufträge auf unsaubere Weise angeboten werden ...

Jung: Sie meinen doch nicht im Ernst, ein Architekt würde einen Direktauftrag ablehnen?

Keller: Ich verlange nichts Unmögliches und ich sehe auch niemanden, der sich mit erhobenem Finger über andere Kollegen erheben könnte. Aber wir alle kennen die so genannten grauen Verfahren, wo Auftraggeber, gerade auch öffentliche, die es eigentlich besser wissen müssten, versuchen, bei Vergabe und Vertrag zu tricksen, was das Zeug hält: kostenlose Vorleistungen, unterirdische Honorare, Gutachterverfahren, bei denen allein für die Chance, den Auftrag zu erhalten, die halbe Planung gleich mitgeliefert wird. Viele Kollegen werden mit diesen oder ähnlichen Situationen schon einmal konfrontiert gewesen sein, und zu häufig fällt die persönliche Entscheidung noch zugunsten des vermeintlich lebensnotwendigen Auftragsversprechens aus. Aber wir müssen uns – jeder für sich ¬– bewusst sein, dass ein Verhalten, welches auf der anderen Seite die Erwartung bestätigt, dass Planung quasi zum Nulltarif zu haben ist, gleichzeitig die Wertschätzung für Planung untergräbt. Hier kann – vielleicht sogar: muss – die Kammer Leitplanken für ein zeitgemäßes Berufsethos definieren. Das geht zwingend einher mit Aufklärungsarbeit auf der Seite der Auftraggeber: wenn wir es nicht schaffen, in der Gesellschaft den Wert einer unabhängigen Planung zu verankern, werden wir erst die Architekten verlieren und dann eine lebenswerte Umwelt.

Jung: Bleibt die klassische Berufspolitik. Was haben Sie sich da vorgenommen?

Keller: Wenn Sie mit „klassischer Berufspolitik“ die Mitwirkung an der Gesetzgebung zum Baurecht meinen, dann stehen wir heute – fast ein Jahr nach dem Verlust des Objektplaners – dort, wo viele Kammern bereits seit Jahren stehen: wir sehen, dass der Verbraucherschutz mit Füßen getreten wird. Insbesondere die fehlenden Anforderungen an die Qualifikation des sogenannten „Bauleiters“ bedeutet einen Übertrag von Verantwortung auf den Bauherren, dem dieser fachlich nicht gewachsen ist. Gleichzeitig stöhnen die Bauämter über den Verlust vieler sinnvoller Regelungen wie beispielsweise der Anzeige der Baufertigstellung. Heute ist nur noch die Nutzung mitzuteilen, was die Frage aufwirft, wann denn eigentlich der Bau fertig ist und baurechtlich ganz anders zu bewertende Änderungen vorgenommen werden dürfen. Diese Novelle war in vielen Bereichen unausgegoren und wird wahrscheinlich die Gerichte zukünftig sehr viel mehr belasten als zu Zeiten des Objektplaners. Und: Diese Novelle wurde an uns völlig vorbei beschlossen, trotz sehr viel konstruktiver Mitarbeit von Seiten der Kammern. Da müssen wir uns natürlich fragen, woran das gelegen hat und wie wir uns dazu in Zukunft aufstellen wollen. Das war Anlass, eine Arbeitsgruppe zur politischen Kommunikation einzurichten ...

Jung: Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründe ich einen Arbeitskreis.

Keller: Genau so ist es. In Bezug auf diese Novelle sind wir gescheitert und wollen Konsequenzen ziehen. Aber dass wir gar nicht mehr weiter wissen, wäre mir doch etwas zu pessimistisch formuliert. Wir haben ja an vielen Stellen Erfolge gegenüber Politik und Verwaltung zu verzeichnen, bei denen wir anknüpfen können. Ich denke, wir sollten in unserer gesamten Argumentation politischer werden. Es gibt fast keinen Bereich des öffentlichen Lebens, der nicht irgendwie mit der gebauten Umwelt zusammenhängt. Dabei geht es längst nicht um Ästhetik allein: ein Feuerwehrgebäude beispielsweise, welches gut organisiert einen kurzen Alarmweg ermöglicht, hilft Menschenleben zu retten. Ein Verwaltungsgebäude, in dem ein Hort integriert ist, hilft den Beschäftigten in Punkto Vereinbarkeit von Berufs- und Sozialleben. All das sind Aspekte von Architektur. Ein Wesenszug des Menschen ist die bauliche Veränderung seiner Umwelt. Das heißt: Gebaut wird immer und Kosten entstehen immer. Die Frage, die wir öffentlich diskutieren müssen, ist also die, in welcher Qualität wir als Gesellschaft leben wollen. Wenn wir uns nicht irgendwann in einer rein auf Funktion und Ökonomie degradierten Welt wiederfinden wollen, die kein Zuhause, keine Heimat mehr kennt, dann brauchen wir Architekten, Stadtplaner, Innenarchitekten und Landschaftsarchitekten. Das ist die politische Diskussion, die ich führen möchte.

Bild: Winfried Mausolf