Brandenburgischer Baukulturpreis 2011 - Kategorie Umbau

„Aktivist“ Eisenhüttenstadt

„Aktivist“ Eisenhüttenstadt
„Aktivist“ Eisenhüttenstadt
Verfasser: 
Dipl.-Ing. (FH) Sirko Hellwig, Eisenhüttenstadt
Ingenieurbüro Hoch- und Tiefbau eG Architekten und Ingenieure
Bauherr: 
Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft eG
Kommune: 
Eisenhüttenstadt

Das 1953 errichtete Gebäude war bis zu seiner Schließung 1991 mit Restaurant, Cafe und Bierlokal eine inzwischen legendäre Großgaststätte in Eisenhüttenstadt, der Treffpunkt der Bewohner und der Ort für viele Feste. Besonders hervor zu heben war die hohe handwerkliche Qualität der Ausstattung, die nicht zuletzt dazu geführt hat, dass das Gebäude zum Einzeldenkmal ernannt worden ist. Durch den Leerstand schien das Haus lange trotz seines hohen historischen und baukünstlerischen Wertes in seiner Substanz bedroht. Fotos aus der Zeit um 2007 dokumentieren den zunehmenden Verfall. Um so mehr ist es zu würdigen, dass die Eisenhüttenstädter Wohnungsgenossenschaft eG das Haus für die eigene Verwaltung übernommen hat und die traditionelle „Bierstube“ wieder als Gaststätte eröffnet. Der Bauherrin und dem Architekten ist es gelungen, die denkmalpflegerisch besonders sensiblen großen Säle in ihrem Erlebniswert wieder herzustellen, sie nicht durch funktionale Einbauten zu zergliedern und damit zu zerstören. Durch 2,80 m hohe reversible Glastrennwände wurden Arbeitsbereiche gegliedert und von einander getrennt, so dass der großräumige Eindruck der Säle erhalten geblieben ist. Gleichzeitig sind die Oberflächen der Wände und Decken wieder hergestellt und restauriert worden.
Für die Mitarbeiter waren die neuen Arbeitsplätze sowohl durch die hohe Transparenz als auch durch die nur bedingte akustische Abschirmung sicher gewöhnungsbedürftig. Ihre Akzeptanz trägt jedoch dazu bei, dass ein einzigartiges Beispiel der Alltagskultur der DDR räumlich erhalten geblieben und in seinen Qualitäten zu erleben ist. Die Einführung von moderner Haustechnik und die Beachtung von bauphysikalischen Anforderungen sind im Zuge der Restaurierungsarbeiten so geschickt integriert worden, dass sie nicht sichtbar werden. Aus energetischen Gründen und zur Reduzierung der Betriebskosten wurde entschieden, die Fassaden von außen zu dämmen. Trotzdem gelang es, das Erscheinungsbild zu erhalten und Teile wie den Treppenhauserker, die Portale des Haupteinganges und der „Bierstube“ authentisch zu integrieren. Auf dem Dach der „Bierstube“ gibt es den einzigen deutlichen zeitgenössischen Akzent: der Besprechungsraum als ein Kubus aus Glas und Stahl, der als Kontrast zum neoklassizistischen Putzbau verstanden wird, sich aber nicht in den Vordergrund stellt. Die hohe Qualität der architektonischen und räumlichen Wiedergewinnung des „Aktivisten“ bis hin zum Detail ist nur ermöglicht worden durch eine enge und fruchtbare Zusammenarbeit der Bauherrin, der Architekten, der Ingenieure der verschiedenen Fachdisziplinen, der Restauratoren und nicht zuletzt der Denkmalpflege. Durch das konstruktive Zusammenspiel dieser vielen Akteure ist es gelungen, den Einwohnern von Eisenhüttenstadt einen wichtigen Treffpunkt wieder zu geben und ein positives Zeichen zu setzen für eine Aufwertung des Umfeldes. Mit dem Brandenburgischen Baukulturpreis 2011 in der Kategorie Umbau wird diese außergewöhnliche Leistung gewürdigt.